Graubünden

Grau|bụ̈n|den; -s:
Schweizer Kanton.

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Graubụ̈nden,
 
Bụ̈nden, italienisch Grigioni [-'dʒoːni], bündnerromanisch Grischụn, französisch Grisons [-'zɔ̃], mit 7 105 km2 der größte Kanton der Schweiz, (1999) 186 000 Einwohner; Hauptstadt ist Chur.
 
 
Nach der Verfassung vom 2. 10. 1892 (mit zahlreichen Änderungen) üben das Volk und der Große Rat (Gran Consiglio, Cussegl Grond) die Gesetzgebung aus. Dem obligatorischen Referendum unterstehen Verfassungsänderungen, die vom Großen Rat verabschiedeten Gesetze, Staatsverträge sowie gewisse Ausgabenbeschlüsse. Seit 1965 existiert ein fakultatives Finanzreferendum. Gesetzesinitiativen bedürfen der Unterschrift von 3 000, Verfassungsinitiativen von 5 000 Stimmberechtigten. Der Große Rat zählt 120 Mitglieder, diese werden auf drei Jahre nach dem Majorzsystem in den Kreisen (insgesamt 39) gewählt. Die oberste vollziehende Behörde ist die Regierung. Die fünf Regierungs-Räte werden vom Volk alle vier Jahre neu gewählt (zweimalige Wiederwahl möglich). - Die obersten kantonalen Gerichte sind das Kantonsgericht und das Verwaltungsgericht.
 
 
Schildfeld heraldisch rechts oben: Oberer oder Grauer Bund (schwarz-silber gespalten); heraldisch links oben: Zehngerichtebund; unten: Gotteshausbund.
 
Landesnatur:
 
Graubünden umfasst im Norden die steil abfallende Südseite der Glarner Alpen, im Westen Teile der Gotthardgruppe und der Lepontinischen Alpen sowie im Osten und Süden die Rätischen Alpen. Graubünden, das fünf Flussgebieten angehört (Rhein, Inn, Etsch, Adda, Tessin), ist ein Hochgebirgsland, das durch Talschaften geprägt ist. Das Längstal des Vorderrheins, in der obersten Stufe Tujetsch genannt, mit seinen rechten Seitentälern Val Medel, Valsertal und Lugnez sowie Safiental, vereinigt sich bei Reichenau (westlich von Chur) mit dem Hinterrheintal (Teile: Rheinwald, Schams und Domleschg; zwischen den beiden Letzteren die Schlucht der Via Mala); bei Thusis mündet in das Hinterrheintal das Albulatal, ein südlicher Nebental bildet das Oberhalbstein. Bei Chur münden das Tal von Churwalden und das Schanfigg (Tal der Plessur), weiter rheinabwärts das Prättigau (Tal der Landquart). Der Inn durchfließt das Engadin, das über den Malojapass mit dem Bergell, über den Berninapass mit dem Puschlav verbunden ist, die beide zum Einzugsgebiet der Adda gehören; über den Ofenpass ist das Engadin mit dem Münstertal (Val Müstair) verbunden. Zum Einzugsgebiet des Tessins gehören das Misox und das Val Calanca. - Das Klima ist je nach Höhenlage und Talrichtung sehr unterschiedlich, am mildesten ist es im Churer Rheintal (Föhneinfluss) und in den nach Süden offenen Tälern. Die Waldgrenze liegt bei 2 200 m über dem Meeresspiegel.
 
 
Sie umfasst drei Volksgruppen: Rätoromanen (17 % der Bevölkerung), Deutschbündner (65 %), die ihrerseits von germanisierten Rätoromanen und den ursprünglich aus dem Wallis eingewanderten Walsern abstammen, und Italienischbündner (11 %). Alle drei Sprachen sind in Graubünden gleichberechtigt. Bündnerromanisch (Rätoromanisch) wurde 1938 als Nationalsprache anerkannt, nachdem schon ab 1913 die ursprünglich romanischen Ortsnamen wieder eingeführt worden waren. Hörfunk und Fernsehen der Schweiz senden heute überregional und regelmäßig in bündnerromanischer Sprache. Die traditionelle Hausbauweise des Kantons ist uneinheitlich: In den südlichen Talschaften und im Engadin prägt das imposante, zum Teil mit Sgraffito-Friesen verzierte Steinhaus (»Engadinerhaus«) das Gesamtbild der Dörfer, im nördlichen Kantonsteil sind es sonnenverbrannte Holzhäuser. - Konfessionell gliedert sich die Bevölkerung in 50 % Katholiken und 44 % Reformierte.
 
 
Die allgemeine neunjährige Schulpflicht dauert vom 7. bis 15. Lebensjahr (sechs Jahre Primar-, drei Jahre Sekundar- oder Realschule). Als mehrsprachiger Kanton hat Graubünden Schulbücher für die Volksschule in sieben Sprachen: in Deutsch, Italienisch und in fünf Idiomen des Bündnerromanischen: Surselvisch, Sutselvisch, Ober- und Unterengadinisch sowie Surmeirisch. Gymnasien (Schulzeit sieben Jahre) gibt es in den Maturitätstypen A, B, C, D, E; ferner bestehen Lehrerseminar, Kindergärtnerinnenseminar, Frauenschule, Handels- und Diplommittelschule sowie berufliche Schulen und höhere Fachschulen.
 
 
Graubünden hat sich relativ schnell von einem Agrarland zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt. 1991 arbeiteten 6 % der Beschäftigten in Land- und Forstwirtschaft, 26,3 % im industriellen Sektor und 64,5 % im Dienstleistungsbereich. Mit einem Volkseinkommen je Einwohner von (1993) 40 404 sfr. liegt Graubünden an 12. Stelle unter den 26 Kantonen (Schweiz: 43 704 sfr.). 31,2 % der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt (24,9 % sind als almwirtschaftliche Nutzflächen ausgewiesen). Ackerbau wird in beschränktem Umfang in den Tälern betrieben; sonst herrscht Almwirtschaft vor. Weinbau gibt es in den südlichen Tälern und im Rheintal um Chur; Edelkastanien gedeihen im Bergell und Misox. 25,3 % der Fläche sind bewaldet (v. a. Nadelhölzer, besonders Lärchen und Bergkiefern, in den höchsten Lagen Arven). Graubünden ist schwach industrialisiert; Zentrum ist Chur und Umgebung. Neben chemischer Industrie, etwas Holz-, Papier-, Zement-, Metall- und Lebensmittelindustrie dominiert das Baugewerbe. Der einst bedeutende Erzabbau ist erloschen. Graubünden ist aufgrund des großen Wasserkraftpotenzials wichtiger Energielieferant (rd. 14 % der Elektrizität in der Schweiz werden von den 70 Wasserkraftwerken in Graubünden erzeugt). Wirtschaftlich besonders wichtig ist der Tourismus: Mit (1993) 229 000 Gastbetten, davon über ein Viertel in Hotel- und Kurbetrieben, sowie fast 15 Mio. Übernachtungen liegt Graubünden in der Schweiz an 1. Stelle. In klimatisch günstiger Lage entwickelten sich weltberühmte heilklimatische Kurorte und Wintersportplätze (z. B. Davos, Sankt Moritz, Arosa, Lenzerheide mit Valbella, Pontresina, Klosters, Flims, Laax).
 
Verkehr:
 
Verkehrsmäßig ist Graubünden trotz starker Kammerung auch ein Durchgangsland, dessen Täler untereinander durch Pässe (u. a. Julier, Flüela, Albula- und San-Bernardino-Pass, Letzterer im Zuge der Nationalstraße mit Tunnel; Straßennetz insgesamt 3 500 km) sowie durch die Rhätische Bahn (Schienennetz: 375 km) verbunden sind. Die wichtigsten Zugangswege nach Graubünden folgen dem Rheintal nach Chur, dem Inntal ins Unterengadin, vom Vintschgau ins Münstertal, vom Veltlin ins Puschlav und vom Comer See über das Mairatal ins Bergell. Über den Oberalppass besteht Anschluss an die Gotthardroute, über den Lukmanier und San-Bernardino-Pass ins Tessin. Grenzpässe sind Splügen (zum Comer-See-Gebiet) und Umbrailpass (ins Veltlin). Über den La-Drossa-Tunnel nahe dem Ofenpass kann das italienische Hochtal von Livigno erreicht werden beziehungsweise über eine Straße vom Berninapass aus.
 
 
Das Gebiet des heutigen Graubünden, ursprünglich von Rätern bewohnt, 15 v. Chr. von den Römern unterworfen, wurde ein Teil der römischen Provinz Raetia Prima. Seit 536 n. Chr. gehörte es zum Fränkischen, seit 843 zum Ostfränkischen, später zum Heiligen Römischen Reich, behielt aber unter dem Bischof von Chur (deshalb früher auch »Churrätien« genannt) und dem Abt von Disentis eine gewisse Unabhängigkeit. Im 12. bis 14. Jahrhundert wanderten Walser aus dem Wallis ein und beschleunigten die Germanisierung Rätiens. Gegen die Bedrohung durch die Herzöge von Österreich (Habsburger) entstand 1367 der Gotteshausbund, 1395 der Obere oder Graue Bund, 1436 der Zehngerichtebund. Diese Drei Bünde traten bald in ein näheres Verhältnis zueinander (1471), und die beiden ersten verbanden sich 1497/98 mit sieben von den acht alten Orten der Eidgenossenschaft (führte u. a. zum »Schwabenkrieg«, 1499). Nach ihrer Eroberung (1512) beherrschten die Bündner bis zu deren Loslösung 1797 auch die Landschaften Bormio, Veltlin und Chiavenna. Am 23. 9. 1524 schlossen sich die Drei Bünde staatsrechtlich als Freistaat zusammen (Bundesbrief als Verfassung; bis 1854); namengebend wurde der Graue Bund (daher Graubünden). Das Nebeneinander katholischer und reformierter Talschaften (ab 1523/26) wirkte sich besonders im 17. Jahrhundert auf die gemeinsame Politik hemmend aus. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) suchten Österreich und Spanien gegen Venedig und Frankreich die Bündner Pässe als Verbindungslinie ins Reich und nach den Niederlanden zu behaupten. Zwei Parteien, eine habsburgische unter den Planta, eine französische unter den Salis, stürzten das Land, besonders das Unterengadin, in schwere Fehden (»Bündner Wirren«, 1603-35/37). G. Jenatsch konnte 1637 durch einen Aufstand den Abzug der Franzosen erzwingen; auch gelang es, 1649-52 alle Rechte Österreichs v. a. am Zehngerichtebund abzulösen. Als Kanton Rätien 1798 mit der Helvetischen Republik vereinigt, wurde Graubünden 1803 infolge der Mediationsakte der 15. Kanton der Eidgenossenschaft (1814 neue Verfassung). Aber erst 1854 wurde Graubünden ein einheitlicher Kanton (neue, an die Bundesverfassung von 1848 abgestimmte Verfassung). Die Totalrevision der Verfassung (1892) trat 1894 in Kraft.
 
 
Handel u. Verkehr über die Bündner Pässe im MA. zw. Dtl., der Schweiz u. Oberitalien, bearb. v. W. Schnyder, 2 Bde. (Zürich 1973-75);
 F. Pieth: Bündnergeschichte (Chur 21982);
 
Die viersprachige Schweiz, hg. v. R. Schläpfer (Zürich 1982);
 R. H. Billigmeier: Land u. Volk der Rätoromanen (a. d. Engl., Frauenfeld 1983);
 F. Kraas: Die Rätoromanen G.s (1992);
 P. Metz: Gesch. des Kt. G., 3 Bde. (Chur 1989-93).
 

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Grau|bụ̈n|den; -s: Kanton in der Schweiz.

Universal-Lexikon. 2012.

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